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Meinung: Wahlergebnisse mal anders dargestellt – Landtagswahl Thüringen 2014 und Bundestagswahl 2013

 

Schaut man sich die üblichen Sendungen und Berichte im Internet über die Ergebnisse z. B. der aktuellen Landtagswahl in Thüringen 2014 oder der vorigen Bundestagswahl aus dem Jahre 2013 an, so fällt auf, dass zumeist eine scheinbar komplette Übersicht der Wahlergebnisse bzgl. der Zweitstimme (Sitzverteilung der Parteien im Land- / Bundestag) als Infografik oder Tabelle gegeben wird.

Allerdings bin ich der Meinung, dass die Art und Weise, wie diese Daten grafisch aufbereitet werden, nicht die komplette Wahrheit widerspiegeln: Zwar werden die Nichtwähler öfters mal abseits der Grafiken oder separat in den Grafiken genannt, tauchen aber in den Balkendiagrammen oder Tabellen nie in der Form auf, dass sie mit in die 100% einbezogen werden. Um nun wirklich einen etwas genaueren Eindruck zu bekommen, wie unsere Demokratie derzeit an Wahltagen ausschaut und was genau gemeint ist, hier zunächst 2 Tabellen zur Bundestagswahl 2013:

Ergebnis Bundestag 2013

Tabelle 1 (links) zeigt das übliche Ergebnis, wie es an vielen Stelle zu lesen ist. Geht man nun von den weiteren, offiziellen Zahlen aus, dass sich nämlich 71,5% der Wahlberechtigten beteiligt haben, dementsprechend 28,5% nicht wählen waren, so ergibt sich ein neues Bild: Werden die 28,5% der Nichtwähler mit in die Berechnung / in die Verteilung hinein genommen, sodass nun wirklich 100% aller Wahlberechtigten in der Tabelle berücksichtigt werden, so ergibt sich ein deutliche Verschiebung der Prozentzahlen – siehe Tabelle 2. Die zweitstärkste „Fraktion“ wären dann die Nichtwähler mit 28,5% – knapp hinter der CDP mit 29,13%. Umgerechnet auf absolute Werte hieße dies: nicht annähernd jeder 2. hat die CDU gewählt, sondern knapp weniger als jeder 3.!

Noch deutlicher wird dieser Unterschied bei der Landtagswahl in Thüringen 2014: Als Grundlage wurde das vorläufige Endergebnis von ca. 16:00 Uhr am heutigen Tage (15. 9. 2014) genommen. Auch hier wieder die gleiche Umrechnung:

Ergebnis Bundestag 2013

Hier lag die bislang ermittelte Wahlbeteiligung bei nur 52,7%, d. h. fast jeder 2. Wahlberechtigte blieb zu Hause (s. Tabelle 1 unten). So ergibt sich zunächst aus Tabelle 1 ein Bild, dass ungefähr jeder 3. die CDU gewählt habe (33,5%), die Linke noch weniger als jeder 3., nämlich ca. jeder 3,5te (28,2%). Die letzten beiden Zahlen haben die Wähler – nicht Wahlberechtigten – als Basis / 100%.

ABER auch hier sollten meiner Meinung nach auch die Nichtwähler mit einbezogen werden – erst recht, wenn die Wahlbeteiligung in einer Demokratie so niedrig ist wie hier ermittelt. Die 100% sollte sich also auf alle Wahlberechtigten beziehen!
So ergibt sich dann doch ein anderes Bild – siehe Tabelle 2: Werden die drei Top-Ergebnisse nun wieder auf absolute Zahlen umgerechnet, so stellt man fest, dass – wie gesagt – nur knapp jeder 2. wählen war (47,3%), nur noch annähernd jeder 6. CDU (17,65%) und fast jeder 7. die Linken (14,86%) für wahlwürdig hielt.

Einerseits ist es das gute Recht eines Bürgers, aus diversen Motiven heraus nicht zur Wahl zu gehen. Mir stellen sich aber bei dieser etwas anderen Betrachtung mehrerer Fragen:
Woher kommt diese Politik(er)verdrossenheit in Thüringen (und im gesamten Bund)? Steht dort Werteverdruss beider Seiten hinter? Politiker und Parteien werden in unserer Demokratie direkt vom Volk gewählt, sind also Volksvertreter. Nur: Wie hoch muss die Wahlbeteiligung mindestens sein, dass von Volksvertretern die Rede sein kann? 10%? 50%? 30%? Anders formuliert: Ist es in einer Demokratie zulässig, dass – angenommen die Wahlbeteiligung würde deutlich unter 50% sinken – die Mehrheit durch die Wahlen einer Minderheit mitbestimmt gar gelenkt werden? Ist das Nichtwählen pauschal eine indirekte Einwilligung dazu? Darf sich eine moderne Demokratie solch eine hohe Wahl-Nicht-Beteiligung auf Dauer leisten? Bis zu welchem Punkt ist dies in einem an humanistischen Werten orientierten, freiheitsliebenden, christlichen Land legitim?

(c) 2014 Rene Widmer.

Quellen (abgerufen am 15.9.2014):
www.faz.net/op900/event/landtagswahl-in-thueringen/live/
de.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahl_2013