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Der Begriff des Putinverstehers: Der Unterschied zwischen Verstehen, Akzeptieren und Unterstützen.

 

Ich möchte hier im Kontext aus aktuellem Anlass kurz das Wort „Putin-Versteher“ aufgreifen:

Laut Duden hat das Verb „verstehen“ die Bedeutung, dass jemand den Sinn von etwas erfasst hat, sich in die Lage eines anderen hineinversetzen konnte und dessen Sichtweise nachvollziehen kann.
Das Verb „akzeptieren“ heißt hingegen, dass jemand die Meinung des anderen anerkennt oder gar annimmt und begrüßt. In gewisser Weise kann gesagt werden, dass im Gegensatz zum Vorgang des Verstehens derjenige, der eine Meinung akzeptiert, auch diese in gewisser Weise hinnimmt oder gar mit dieser – wenn auch nur teilweise(!) – emotional oder auf Vernunftsebene einverstanden ist.
Jemand kann jedoch auch eine Meinung teilweise akzeptieren oder verstehen, die nicht unbedingt dessen eigenen Standpunkt im Vollen entspricht. Das ist besonders dann der Fall, wenn diese Meinung im Allgemeinen dem eigenen Konsens über einen Sachverhalt nicht allzu sehr widerspricht und er sich dadurch eventuell positive Sanktionen erhofft. Eine mögliche, definitive Grenze des Akzeptierens ist aber dann erreicht, wenn z.B. das körperliche und / oder das geistige Wohlbefinden des Urteilenden oder anderer Individuen (besonders von Bezugspersonen) kurzfristig oder gar langfristig in Gefahr ist / sind.

Manchmal aber kann man auch Meinungen vordergründig akzeptieren oder gar unterstützen, wenn diese von außen durch materielle / soziale, negative Sanktionen erzwungen werden, um eben diese drohenden negativen Sanktionen im Vorfeld und eventuell weitere zu vermeiden. Gerade die Wirkung von sozialen, negativen Sanktionen sind bei einem sozialen Wesen, wie es der Mensch nun mal als Mängelwesen sein muss, nicht zu unterschätzen. Ein Mensch sucht immer Anschluss an die Gesellschaft, sucht Orientierung, Halt und Unterstützung – je nach Intelligenz und Aufklärungsgrad mehr oder weniger.
So sind für manche z.B. Online-Presseportale, Bücher, Zeitschriften und Zeitungen als eine Art Leitfaden für die eigene Orientierung zu sehen: Sie bereiten Meinungen, Stimmungen oder ganz neutral Fakten / Vorgänge selektiv auf und präsentieren diese. Verstärkt wird diese Orientierungsfunktion aus gesellschaftlicher und individueller Perspektive dadurch, dass besonders die allgemeinen, für jeden zugängliche Medien, die die Realität in bestimmten Bereichen selektiv abbilden sollen und wollen, von vielen aus diversen Gründen / Mechanismen eine Autoritätsfunktion unterstellt wird. Autoritäten haben seit je her eine besondere, leitende Funktion in der Gesellschaft und damit auch eine besondere Verantwortung – ob sie wollen oder nicht. Auch dies ist von der Intelligenz und vom Aufklärungsgrad des Individuums abhängig.
Ein neuer Mechanismus, den es in der Breite vor nicht allzu langer Zeit im Zusammenhang mit reinen Printmedien noch nicht gab, liegt der Kommentarfunktion, die die meisten Online-Portale nun zu Artikeln anbieten, zugrunde: Hier können (selektiv) Meinungen von Lesern veröffentlicht werden – selektiv, da oft eine Redaktion oder ein kleines Team die Aufgaben hat Qualität und Netiquette zu sichern. Was auf der einen Seite gut und wichtig erscheint, birgt aber auf der anderen Seite eine Gefahr: dass eben dieses selektive Vorgehen „zu selektiv“ betrieben werden könnte und so eben nur eine scheinbare Meinung der allgemeinen Kommentatoren entsteht und keine breite, differenzierte Sicht.

Was hat das nun mit der Ãœberschrift und den sog. „Putinverstehern“ zu tun? In vielen Kommentaren und in manchem Artikel, die die aktuelle politische Lage aufgreifen, wird der Begriff „Putinversteher“ genannt, um Menschen, die Putins Meinung (scheinbar) verstehen(!), abzuwerten und so eine kritische Auseinandersetzung mit dessen Sichtweise im Keim zu verhindern. Wieso sollte es schlimm sein, eine Meinung des anderen zu verstehen – auch wenn sie überhaupt nicht der eigenen entspricht? Es ist die Basis eines Urteils, eine Meinung zu verstehen, um dann abwägen zu können, ob diese abgelehnt, akzeptiert, oder unterstützt wird – in Teilen oder im Ganzen. Dies gilt für einen Bürger in einem demokratischen Land erst recht, sodass der Begriff Putinversteher eigentlich positiv zu sehen ist und zeugt von Empathie sowie gewisser Intelligenz. Das gilt dann erst recht, wenn eine Meinung oder ein Weltbild gar so krude und absurd ist, dass es zunächst unlogisch und nicht kongruent erscheint.

Anders gesehen: Wenn jemand den Begriff Putin-Versteher als Missbilligung verwendet, könnte dahinter ein einfaches, begriffliches Missverständnis, oder aber das Motiv des Versuchs einer einfachen Meinungsmache stehen, in dem nicht an die Intelligenz und Kritikfähigkeit des Einzelnen appelliert wird, sondern an das dumpfe Gefühl der möglichen Ausgrenzung, gekoppelt mit reiner Meinung übernähme. Letzteres ist dann eine Gefahr, wenn die Selektionsmechanismen einer als Autorität wahrgenommenen Quelle, über die Kommentare oder gar Artikel zur Veröffentlichung eventuell frei gegeben werden sollen, nicht mehr rein der Qualitätssicherung und Netiquette dienen, sondern oft Meinungen einer bestimmten Richtung als Grundlage haben – dann könnte ein Medium als politisches Instrument missbraucht werden. Dies hätte dann in einem demokratischen Land auch nichts mehr mit Qualitätssicherung zu tun, denn die Qualität einer Demokratie lässt sich m. E. unter andrem an dem Zugang, Verständnis und der kritischen Auseinandersetzung eines breiten Spektrums anderer Meinungen ablesen.
Vielleicht aber reicht auch einfach nicht der Grad der Aufklärung derjenigen, die den o.g. Begriff nutzen, um letztlich die Sichtweise anderer voll / in den wichtigsten Grundzügen zu verstehen.

Letztlich gibt es noch die Möglichkeit der einfachen Begriffsverwechslung: Im Umgangssprachlichen kommt es schon mal vor, dass die Begriffe Verstehen und Akzeptieren vermischt werden, wobei das Verstehen dialektisch gesehen vor dem Akzeptieren stehen müsste. Man könnte das bewusste Ausnutzen und Spielen mit dieser (doch groben) „Trennungsunschärfe“ gerade bei solchen Begriffen aus vielerlei Motiven heraus unterstellen.

Ich will damit nicht sagen, dass ich Putins Meinung in irgendeiner Weise unterstütze, sondern möchte nur auf diesen o.g., weiteren Missstand unserer Gesellschaft hinweisen. Der Begriff „Putinversteher“ ist übrigens austauschbar und dann in anderen Kommentaren in anderer Form zu anderen Themen wiederzufinden.